Wenn alles andere versagt, bleibt uns immer noch eine letzte Zuflucht, ein letztes Hilfsmittel, auf das wir zurückgreifen können: der Atem.
Natürlich atmen wir alle und atmen so lange, als uns noch der Gedanke an einen Ausweg, eine Wendung zum Besseren bleibt. Mancher wird sagen: „Ja, atme ich denn nicht? Dabei ist doch nichts Besonderes! Atmen ist doch ein ganz natürlicher und selbstverständlicher Vorgang!“
Er hat recht. Atmen ist genauso ein natürlicher Vorgang wie Essen und Trinken, Darm- und Blasentätigkeit und andere Funktionen unseres Organismus, wie Sprechen, Singen, Gehen oder Bewegungen zu machen. Jedoch müssen manche einen besonderen Unterricht haben, um richtig reden oder singen, gehen oder sich bewegen zu lernen. Ja, selbst wenn wir von Natur aus mit einem musikalischen Talent begabt oder mit beweglichen Gliedern zum Tanzen vorausbestimmt sind, müssen wir uns üben und schulen, um unser Talent richtig gebrauchen zu lernen.
So ist es aber mit allen unseren Körperfunktionen. Wenn wir ein einfaches, bewusstes und den Gesetzen der Natur entsprechendes Leben führen und uns sozusagen nach allen Richtungen üben, brauchen wir keine organischen Störungen zu befürchten. Wenn wir aber nicht innerhalb der Grenzen unserer Konstitution bleiben, sodass sich Unordnung einstellt, werden wir früher oder später gezwungen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Inzwischen erleiden wir Schmerzen und Qualen aller Art, Kummer und Herzeleid, Sorgen und Prüfungen.
In unserer Verwirrung nehmen wir dann Zuflucht zu irgendeinem Heilmittel, auf das wir stoßen, probieren es aus, finden es unnütz, suchen ein anderes und gehen schließlich die Heilmittel dieser und dann einer gerade entgegengesetzten Schule oder Richtung durch. Manchmal sind wir wirklich so glücklich, früher oder später das Mittel zu finden, das uns entspricht und auf unseren Zustand passt. Dann erholen wir uns einigermaßen – allerdings nur so lange, wie das Mittel wirkt. Es besteht jedoch eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass wir das unrichtige Mittel wählen, selbst wenn wir berufsmäßig Heilkunde betreiben, solange uns die Gabe fehlt, unser Mittel nach der menschlichen Temperamentsanlage auszuwählen.
Ja, selbst wenn wir uns einer durchschnittlichen Gesundheit erfreuen und nicht über organische Störungen zu klagen haben, finden wir uns meist in einer Lage, in der wir unseren geistigen Stillstand verspüren und geistig nicht mehr leisten können, als was einer Schulstube Ehre macht. Es wird aber von uns erwartet, und wir selbst haben das Gefühl, dass wir beständig fortschreiten, wachsen, uns entwickeln und zu immer höherer Reife gelangen sollten, damit wir die ungehobenen Schätze des Lebens entdecken und bergen können, bis wir die Vollkommenheit darstellen. Selbst in dieser Beziehung versuchen wir es mit allen möglichen Schulen, Systemen, Dogmen und Institutionen, bis wir erkennen, dass wir damit nicht ans Ziel unserer Wünsche kommen.
Wenn alles andere versagt, dann werden wir endlich erkennen, dass rhythmisches, methodisches, systematisches Atmen nicht nur über alle körperlichen und geistigen Störungen hinweghilft und sie zum Stillstand bringt, sondern dass bewusste Atempflege uns Möglichkeiten offenbaren wird, die uns bisher okkult, mystisch oder übernatürlich erschienen und jenseits des menschlichen Begriffsvermögens lagen.
Vor allem müssen wir lernen, bis aufs Äußerste auszuatmen, und zwar in allen möglichen Körperstellungen. Zunächst legen wir uns einfach auf den Rücken, fallen sozusagen ganz entspannt in uns zusammen. Dann atmen wir 4 Sekunden ein und stauen den Atem, indem wir den Unterleib gegen das Sonnengeflecht emporziehen und damit das Zwerchfell gegen das Rippenfell drücken. Dann atmen wir langsam, ‚a staccato‘ und mit kleinen Zwischenpausen aus.
Es wird uns vielleicht nicht gleich gelingen, sodass wir mehrere Versuche machen müssen. Wenn wir aber unsere Versuche getreulich jeden Morgen und jeden Abend für einige Minuten fortsetzen, so werden wir uns bewusst werden, dass sich allmählich Verwachsungen lösen, die die Ursache aller unserer organischen Schwierigkeiten waren. Dann beginnt von selbst ein normales oder gesundes Wachstum. Wer beharrlich ist, wird die Krone des Lebens davontragen.
Auch während der Arbeit sollten wir immer wieder von Zeit zu Zeit versuchen, aufs Äußerste auszuatmen, dabei unsere Schultern fallen zu lassen, das Zwerchfell nach oben gegen das Rippenfell bei der Einatmung zu ziehen und es dort festzuhalten – für 30, 60, 90, 120, 150 oder 180 Sekunden, selbst wenn wir nicht während dieser ganzen Zeit den Atem stauen oder die Ausatmung so lange verteilen können.
Wiederhole diese Übung alle 3 Stunden für 3 bis 5 Minuten und beobachte, wie sich deine Muskeln im Allgemeinen kräftigen, ebenso die Lungen und der ganze Organismus. In welcher körperlichen Verfassung wir auch sein mögen, wir werden es uns zu unserer Genugtuung beweisen, dass wissenschaftliches Atmen uns zu unserem Recht bringt, unser Gesinn klärt und unser Herz veredelt. Störungen und Hemmungen werden zur Seite treten, und der Weg für Inspirationen aus dem Herzen wird frei werden, sodass wir von Erfolg zu Erfolg im täglichen Leben schreiten.
Der Glaube an die Allmacht Gottes wird wieder erwachen und Selbstvertrauen wird dich fest und sicher machen. Sage es dir immer wieder: ,,Wenn auf ich schau', auf Gott ich bau'!“ Sage es dir leise und innig, lauter und kräftiger, seufzend und jauchzend, ergeben und begeistert, sage es dir immer wieder im Rhythmus des Atems. Es kommt nicht darauf an, wie sehr deine Arbeit dich niederdrückt, wie müde deine Hand ist, wie erschlafft dein Gehirn: Immer wirst du dich sogleich erfrischen und von einer neuen Kraft animiert fühlen.
Je mehr man mit diesem Ausatmen fortfährt, umso mehr entspannt sich der Körper und beruhigt sich der Geist. Das Blut entlastet sich und sättigt sich mit Sauerstoff, sodass die Elemente fortlaufend und vollständig umgewandelt, konvertiert werden, die in die oberen Lungen eintreten. Je mehr sich das Zwerchfell daran gewöhnt, sich zum Rippenfell hinzuziehen, umso mehr wird das Rippenfell veranlasst, auf seinen Schleimhäuten die Umwandlungsergebnisse weiter in den Körper zu leiten, sodass sich ‚Leukokythos‘ oder das ‚magnetische Feld im Blut‘ erweitert.
Bei gesundem Menschenverstand erwartet man natürlich innerhalb einiger Minuten keine Wunderwirkungen von den Übungen. Aber durch beharrliches und konzentriertes Üben ist es möglich, Bänder, Sehnen, Muskeln und Gewebe so zu erziehen, dass sie sich der Leitung des Gesinnes ergeben.
Wenn es einem zu einer anderen Zeit nicht möglich ist – unmittelbar vor dem Schlafengehen und nach dem Aufstehen kann es jeder möglich machen, den Körper zu strecken, die Brust in die rechte Lage zu heben, aufs Äußerste auszuatmen und dabei den Unterleib einzuziehen. Beim Ausatmen halte die Lippen leicht getrennt und lasse den Atem ‚a staccato‘ hindurchströmen. Bald wirst du dich getrieben fühlen, dem Atemstudium mehr Aufmerksamkeit zu widmen, und Möglichkeiten werden sich vor dir auftun, von denen du bisher nicht zu träumen wagtest.
Wenn alles andere versagt, erinnere dich immer wieder des Atems und atme aus bis aufs Äußerste, ohne Zwang und ohne Spannung. Jeder Versuch wird dich immer wieder belohnen und das Vertrauen zu dir selbst und zu Gott-in-Dir stärken.
Von O. Z. Hanish.
Auszüge aus Atem – Animationen.
Anmerkung des Mazdaznan-Verlags:
Die hier beschriebene Atmung ist nicht die physiologische Atmung, sondern eine Übung, um das Zwerchfell zu lockern, Spannungen zu lösen und die Lunge und den Brustkorb zu weiten.






